Bedarfsverkehr – vom Lückenfüller zum integrierten Bestandteil

Bedarfsverkehre wie Rufbusse, Gemeindebusse oder Anrufsammeltaxis schließen dort Versorgungslücken, wo ein regulärer Linienverkehr nicht betrieben werden kann. Gerade im ländlichen Raum sichern sie die Mobilität von Menschen ohne eigenes Fahrzeug und leisten so einen Beitrag zu ökologischen wie sozialen Zielen. Damit sich Bedarfsverkehr von einem punktuellen Lückenfüller zu einem integrierten Bestandteil des öffentlichen Verkehrs weiterentwickeln kann, braucht es Digitalisierung, neue Betriebs- und Kooperationsmodelle sowie eine sorgfältige Planung.

Ausgangslage und Relevanz

Unter Bedarfsverkehr werden kleinräumige, bedarfsorientierte und flexible Angebote wie Rufbusse, Gemeindebusse oder Anrufsammeltaxis verstanden. Sie haben vor allem dort eine Bedeutung, wo ein regulärer Linienverkehr nicht betrieben [SH1.1][FK1.2]werden kann. Damit kann er räumliche und zeitliche Versorgungslücken schließen, die erste und letzte Meile im öffentlichen Verkehr abdecken und die Mobilität von Menschen, die über kein eigenes Fahrzeug verfügen oder nützen können, sicherstellen. Gerade im ländlichen Raum kann damit der öffentliche Verkehr sinnvoll ergänzt werden und gleichzeitig das Erreichen von sowohl ökologischen und sozialen Zielen, wie der Reduktion der Mobilitätsarmut, unterstützt werden. In Österreich gibt es derzeit laut bedarfsverkehr.at über 290 Angebote in fast 1.000 Gemeinden. Diese Angebote sind sehr unterschiedlich und orientieren sich am lokalen Bedarf sowie an organisatorischen und finanziellen Möglichkeiten. Außerdem hängen diese auch oft von den Initiativen lokaler Akteure ab. Da ein Bedarfsverkehrsangebot in der Regel nicht ausschließlich über Fahrgeldeinnahmen finanziert werden kann, braucht es eine zusätzliche öffentliche Finanzierung.
Unter diesem Aspekt kann der Erfolg eines Bedarfsverkehrssystems nicht nur an den Einnahmen oder der Zahl der zurückgelegten Fahrten gemessen werden. Hier gilt es, eine Kombination von Faktoren zu berücksichtigen, die Hinweise darüber geben, inwieweit PKW-Abhängigkeit und Ressourcenverbrauch reduziert werden kann und welchen Beitrag es zu den sozialen Zielen leistet.

Weiterentwicklungsbedarf und Innovationsfelder

Bei der weiteren Entwicklung von Bedarfsverkehrssystemen bestehen weiterhin Herausforderungen hinsichtlich Wirtschaftlichkeit, effizientem Betrieb, einfacher Zugänglichkeit und der Integration in das bestehende öffentliche Verkehrsangebot. Unterschiedliche lokale Rahmenbedingungen, begrenzte finanzielle Ressourcen und bislang teilweise fragmentierte digitale und organisatorische Strukturen erschweren zudem eine breitere Skalierung und dauerhafte Verankerung solcher Angebote. Gleichzeitig muss gewährleistet werden, dass neue digitale Lösungen für alle Nutzer:innen zugänglich bleiben.
Um Bedarfsverkehre langfristig attraktiver, effizienter und stärker als integrierten Bestandteil des öffentlichen Verkehrs zu etablieren, besteht daher weiterhin Innovations- und Weiterentwicklungsbedarf. Dies betrifft nicht nur den Umstieg auf E-Fahrzeuge, sondern vor allem Bereiche wie:

  • Intelligente und digitale Disposition zur Verringerung von Leerfahren und Umwegen
  • Nutzung von Informations-, Buchungs- und Bezahlsysteme
  • Stärkere Integration in das reguläre ÖV-Angebot
  • Neue Betriebs- und Kooperationsmodelle, die eine bessere Auslastung der Fahrzeuge sicherstellen
  • Langfristig auch die Verwendung von automatisierten Fahrzeugen

Neben all diesen Innovationen ist aber auch sicherzustellen, dass durch die Digitalisierung bestimmte Personengruppen nicht von der Nutzung des Bedarfsverkehrsangebotes ausgeschlossen sind.

Planung und Einführung von Bedarfsverkehr

Der Erfolg eines Bedarfsverkehrssystems beginnt schon bei der Planung.
Folgende Fragen sollten hierbei berücksichtigt werden:

  • Wer ist die Zielgruppe und welchen Bedarf hat diese,
  • Wie wird ein einfacher Zugang sichergestellt,
  • Wie erfolgt die Anbindung an den öffentlichen Verkehr,
  • Welches Betreibermodell eignet sich,
  • Wie kann eine langfristige Finanzierung sichergestellt werden,
  • Welche Ziele und Erwartungen gibt es,
  • Wie soll die Wirkung gemessen werden,
  • Wie soll das Angebot kommuniziert und gegebenenfalls angepasst werden, etc.

Für die Planung und Einführung von Bedarfsverkehren und die Einbindung von Stakeholdern bieten sich etablierte Methoden wie Co-Creation (gemeinsame Entwicklung von Lösungen unter Einbeziehung verschiedener Akteur:innen) und Living Labs [SH2.1](Reallabore, in denen neue Lösungen unter realen Bedingungen erprobt und weiterentwickelt werden) an. Die frühzeitige Einbindung von Gemeinden, Verkehrsunternehmen, Nutzer:innen und weiteren relevanten Akteuren kann dazu beitragen, das Angebot besser an den tatsächlichen Bedürfnissen auszurichten. Besonders sinnvoll ist es, Bedarfsverkehr nicht isoliert zu planen, sondern als Teil einer integrierten regionalen Verkehrs- und Mobilitätsplanung zu betrachten. Dadurch können Angebote besser aufeinander abgestimmt und Parallelstrukturen vermieden werden.
Eine zentrale Herausforderung bleibt die langfristige Sicherung des Betriebs. Da Bedarfsverkehr in den meisten Fällen nicht kostendeckend betrieben werden kann, ist eine verlässliche öffentliche Finanzierung entscheidend. Damit gewinnt auch die Wirkungsmessung an Bedeutung: Wenn öffentliche Mittel eingesetzt werden, sollte nachvollziehbar sein, welchen Beitrag ein Angebot zur Mobilitätsversorgung, zur sozialen Teilhabe und zur Mobilitätswende leistet.

Aktuelle Forschungsprojekte[

Die folgenden Forschungsprojekte zeigen, wie Bedarfsverkehr und flexible Mobilitätsangebote weiterentwickelt werden können, um Erreichbarkeit, Barrierefreiheit und soziale Teilhabe zu verbessern und eine stärkere Vernetzung mit dem öffentlichen Verkehr zu ermöglichen:

BF4BV

Barrierefreiheit ist ein wichtiger Baustein für die Weiterentwicklung von Bedarfsverkehren. Obwohl diese zunehmend an Bedeutung gewinnen, wird Barrierefreiheit derzeit nur bei rund der Hälfte der Angebote umfassend berücksichtigt. Das Sondierungsprojekt „BF4BV – Barrierefreiheit für Bedarfsverkehre beschleunigen“ untersucht den Status quo sowie bestehende Anforderungen und Hürden und entwickelt gemeinsam mit relevanten Akteur:innen eine Roadmap zur schrittweisen Verbesserung der Barrierefreiheit.

DiToMo

Bei der klimafreundlichen Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ländlichen, touristischen Zielen fehlen häufig Informationen zur Weiterfahrt bis zum eigentlichen Ziel. Insbesondere auf der letzten Meile fehlen entsprechende Informationen oder geeignete Angebote. Das Projekt DiToMo entwickelt daher Lösungen, um klimafreundliche touristische Mobilitätsangebote, wie Bedarfsverkehre, zu digitalisieren und in bestehende Routenauskunftssysteme zu integrieren. Dazu werden ein einheitlicher Datenstandard sowie Prozesse für Datenerfassung und -bereitstellung entwickelt und in zwei Pilotregionen erprobt. Ziel ist eine durchgängige ÖV-Auskunft inklusive ergänzender Angebote auf der letzten Meile und damit eine bessere Grundlage für eine klimafreundliche An- und Abreise.

ÖVConnect

Die Daten für Mobilitätsangebote wie Bedarfsverkehr und Sharing sind in Österreich bislang fragmentiert und werden nur unzureichend in Mobilitätsauskunftssysteme integriert. ÖVConnect untersucht die bestehenden rechtlichen, organisatorischen, technischen und wirtschaftlichen Lücken und entwickelt einen zweistufigen Governance-Rahmen mit klaren Zuständigkeiten, Prozessen und Qualitätsstandards für Mobilitätsdaten. Dieser wird anhand von Use Cases wie Bedarfsverkehr, Bike-, Car- und Ridesharing erprobt. Ziel ist eine bundesweit skalierbare Datenintegration, die multimodale Wegeketten und die Vernetzung mit dem öffentlichen Verkehr verbessert.

GMaasAI

Das Projekt entwickelt ein Mobility-as-a-Service (MaaS)-System, das Mobilitätsangebote an die jeweiligen regionalen Gegebenheiten anpasst und miteinander verknüpft. Für den ländlichen Raum steht dabei insbesondere Bedarfsverkehr im Fokus. Mithilfe von KI und der Analyse verschiedener Datenquellen werden Nachfrage, Haltestellen und Routen optimiert und bestehende Mobilitätsangebote berücksichtigt. In einer Modellregion in Oberösterreich werden die entwickelten Lösungen getestet und über ein Dashboard für die Verkehrsplanung nutzbar gemacht. Ziel ist eine effizientere Planung und Vernetzung multimodaler Mobilitätsangebote und damit eine Stärkung nachhaltiger Mobilität.

land.mobil:LAB

Das land.mobil:LAB ist ein regionales Mobilitätslabor im Waldviertel, das innovative Mobilitätslösungen für den ländlichen Raum entwickelt und deren Umsetzung begleitet. Ein Schwerpunkt liegt auf Bedarfsverkehr („Flex-ÖV“) und der Verknüpfung mit dem klassischen Linienverkehr. Dabei werden auch Bottom-up-Ansätze wie Mitfahrgelegenheiten aufgegriffen und weiterentwickelt. Ziel ist es, Forschung und Praxis zu verbinden, Mobilitätsinnovationen im ländlichen Raum zu fördern und erfolgreiche Lösungen auf andere Regionen zu übertragen.

F.I.M:CONNECT

Flexible Mobilitätsangebote wie Bedarfsverkehr und Sharing können die Erreichbarkeit im ländlichen Raum sichern, sind jedoch für manche Personengruppen nicht verlässlich nutzbar. Das Projekt untersucht daher, wie community-basierte und freiwilligenbasierte Mobilitätsangebote barrierefrei und verantwortbar gestaltet werden können. Im Fokus stehen organisatorische und rechtliche Rahmenbedingungen, Mindeststandards sowie Rollen- und Prozessmodelle für unterschiedliche Anwendungsszenarien. Ziel ist eine übertragbare Wissens- und Entscheidungsgrundlage für Gemeinden und Regionen, um Potenziale, Grenzen und Anforderungen solcher Mobilitätsangebote besser einschätzen zu können.

MobiFlex

Im ländlichen Raum führen hohe Autoabhängigkeit, weite Distanzen und ein eingeschränktes öffentliches Verkehrsangebot zu geringeren Mobilitätschancen. Gleichzeitig wird die Aufrechterhaltung der Versorgungsinfrastruktur zunehmend schwieriger. Frauen sind davon besonders betroffen, da ihre Versorgungspflichten häufig mit komplexeren Alltagswegen verbunden sind und sie seltener auf ein Auto zurückgreifen können. MobiFlex untersucht daher, wie Bedarfsverkehr und weitere flexible Mobilitätsangebote die Versorgungsqualität und soziale Teilhabe verbessern und Alternativen zum eigenen Pkw schaffen können. Gemeinsam mit Frauen* und Pilotgemeinden werden dafür gendergerechte Maßnahmen entwickelt und erprobt und zu orts- und zielgruppenspezifischen MobiFlex-Paketen gebündelt. Ziel sind übertragbare Ansätze für eine bedarfsgerechte und gendergerechte Mobilität im ländlichen Raum.

DREAM_PACE (Europäische Initiative)

Im Rahmen des Interreg Central Europe Projektes DREAM_PACE wurden in sechs europäischen Regionen (Bolognia und Pavia (IT), Region Stuttgart (DE), Budapest (HU), Region Split-Dalmatien (HR) und Osttirol (AT)) die Einführung und Integration von Bedarfsverkehrsangeboten untersucht und getestet. Die im Projekt entwickelten Tools und Ergebnisse stehen auf der Projektwebseite sowie auf drt4all.eu/  zur Verfügung und bieten Unterstützung bei der Planung, Konzeption und Einführung von Bedarfsverkehrsangeboten.