Mobilität für alle: Innovation beginnt mit Barrierefreiheit

Fast jede vierte Person in Österreich ist im Alltag längerfristig eingeschränkt, viele weitere erleben Barrieren zeitweise. Ob ein Weg gelingt, entscheidet sich entlang der gesamten Mobilitätskette, von der Information über das Umsteigen bis zum Ziel. Der folgende Beitrag zeigt, wie Barrierefreiheit zum Ausgangspunkt für Innovation werden kann, warum sich Universal Design auch wirtschaftlich lohnt und wie der European Accessibility Act sie zum verbindlichen Qualitätskriterium macht.

Fast jede vierte Person in Österreich ist bei alltäglichen Aktivitäten längerfristig eingeschränkt. 2024 betraf dies rund 1,9 Millionen Menschen beziehungsweise 24,7 Prozent der 15- bis 89-Jährigen. Hinzu kommen Situationen, die viele Menschen zeitweise erleben – etwa nach einer Verletzung, mit Kinderwagen, schwerem Gepäck oder in einer unbekannten Umgebung.
Welche Folgen eine Barriere hat, hängt dabei von der jeweiligen Person und Situation ab. Ein defekter Lift kann einen Umweg verursachen oder eine Reise unmöglich machen. Schwer verständliche Informationen sind für manche ärgerlich, für andere schließen sie die selbstständige Nutzung eines Angebots aus. Inklusive Mobilität nimmt deshalb nicht vermeintliche Defizite einzelner Menschen in den Blick, sondern die Gestaltung des Mobilitätssystems.

Barrierefreiheit ist kein nachträglicher Zusatz. Sie ist ein Qualitätsmerkmal eines Mobilitätssystems, in dem sich möglichst viele Menschen selbstbestimmt fortbewegen können.

Die gesamte Reise entscheidet

Ob ein Weg gelingt, entscheidet sich entlang der gesamten Tür-zu-Tür-Kette: beim Informieren und Buchen, auf dem Weg zur Haltestelle, beim Einsteigen und Umsteigen sowie am Ziel. Ein stufenloser Zug nützt wenig, wenn der Bahnsteig wegen eines ausgefallenen Lifts nicht erreichbar ist. Auch eine kurzfristige Gleisänderung kann zum Hindernis werden, wenn sie ausschließlich visuell kommuniziert wird.

Für Planung und Forschung bedeutet das, nicht nur einzelne Fahrzeuge, Haltestellen oder Anwendungen zu betrachten. Ebenso wichtig sind die Übergänge zwischen ihnen. Infrastruktur, Information und Betrieb bilden gemeinsam ein System, schon eine einzige nicht zugängliche Stelle kann die gesamte Reise unterbrechen.

Wenn Barrierefreiheit Innovation antreibt

Barrierefreiheit wird vorwiegend durch verbesserte Standards und Normen gewährleistet. Innovation kann dort neue Services und Tools entwickeln, wo es noch keine Lösungen gibt, oder bestehende Angebote anpassen, idealerweise unter Beteiligung der jeweiligen Zielgruppen. Darüber hinaus kann Barrierefreiheit generell zum Ausgangspunkt besserer Lösungen werden. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf Bedienmöglichkeiten, Informationen und Wege, die einfacher, flexibler und zuverlässiger gestaltet werden können. Innovation zeigt sich dabei nicht allein in einer neuen Technologie, sondern vor allem in ihrem konkreten Nutzen für die Menschen. Entscheidend ist, ob sie deren Handlungsmöglichkeiten erweitert, auch bei Störungen zuverlässig funktioniert und selbstständig, ohne fremde Hilfe, verwendet werden kann.

Daran knüpft das in der UN-Behindertenrechtskonvention verankerte Universal Design an. Produkte, Umgebungen und Dienstleistungen sollen so entwickelt werden, dass sie von möglichst vielen Menschen genutzt werden können. Verständliche Informationen, einfache Buchungswege und intuitive Orientierungshilfen kommen dabei weit über eine einzelne Zielgruppe hinaus zugute.

Wie unterschiedlich solche Lösungen aussehen können, zeigen Beispiele aus der Praxis. Die Navigationsanwendung waveOut des Wiener Unternehmens Dreamwaves führt blinde und seheingeschränkte Menschen mithilfe räumlicher Tonsignale durch unbekannte Umgebungen. Mit InfoToGo stellen die ÖBB Informationen zu Abfahrten, Wagenreihungen und Bahnhofsausstattung ohne App und Anmeldung im Browser bereit. Im dänischen Aarhus wird erprobt, wie KI-gestützte Videoanalysen die Nutzung barrierefreier Parkplätze erfassen und dadurch kommunale Entscheidungen unterstützen können.

Die Beispiele verbinden digitale Innovation mit einem konkreten Anwendungsproblem: Sie erleichtern Orientierung, verbessern den Zugang zu Informationen oder machen bislang wenig sichtbare Barrieren messbar.

Vom Einzelprojekt zum Qualitätsstandard

Ob eine Entwicklung im Alltag überzeugt, lässt sich nicht allein anhand technischer Kennzahlen beurteilen. Werden die späteren Nutzer:innen in Forschung und Entwicklung einbezogen, treten Probleme zutage, die Planungsdaten häufig nicht abbilden – beispielsweise Unsicherheit beim Umsteigen, unverständliche Tarife oder fehlende Alternativen bei Störungen. Dieses Erfahrungswissen erhöht die Praxistauglichkeit und kann kostspielige Nachbesserungen vermeiden. Auch wirtschaftlich zahlt sich Barrierefreiheit aus: Je stärker ein Verkehrssystem genutzt wird, desto höher fällt das Verhältnis von Nutzen zu Kosten aus. Universal Design ist damit keine Kostenbelastung, sondern eine Investition mit langfristigem volkswirtschaftlichem Gewinn.

 

Auch der regulatorische Rahmen stärkt diese Entwicklung. Der seit Juni 2025 geltende European Accessibility Act schafft gemeinsame Anforderungen für bestimmte Produkte und Dienstleistungen in der EU, darunter Angebote des Personenverkehrs. Barrierefreiheit entwickelt sich damit von einer freiwilligen Ergänzung zu einem verbindlichen Entwicklungs- und Qualitätskriterium.

Darin liegt zugleich ihr Innovationspotenzial: Lösungen, die unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen berücksichtigen, sind für mehr Menschen und in vielfältigeren Situationen nutzbar. Damit wird das Mobilitätssystem nicht nur inklusiver, sondern insgesamt verständlicher, robuster und zukunftsfähiger.

Veranstaltungstipps

Update Barrierefreiheit

  • 15. Oktober 2026, 9:00–17:00 Uhr | Wien
  • Das Seminar von Austrian Standards vermittelt aktuelle Anforderungen an barrierefreie Planung und Gestaltung. Im Mittelpunkt stehen nationale und europäische Regelwerke, die Zugänglichkeit des öffentlichen Raums sowie die Frage, wie unterschiedliche körperliche und sensorische Voraussetzungen bei Planung und Betrieb berücksichtigt werden können. Die Teilnahme ist kostenpflichtig. Weitere Informationen und Anmeldung

European Accessibility Summit 2026

  • 17. November 2026, 9:00–18:00 Uhr | Brüssel und online
  • Der European Accessibility Summit bringt Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und der europäischen Behindertenbewegung zusammen. Thematisiert werden unter anderem der European Accessibility Act, Künstliche Intelligenz und zugängliche Technologien. Die Teilnahme vor Ort ist nur auf Einladung möglich; die Anmeldung für die Online-Teilnahme soll noch geöffnet werden. Weitere Informationen

Ausschreibungshinweis

Mobilitätswende 2026/2: Mobilitätssystem

  • Geplanter Einreichzeitraum: 21. Oktober 2026 bis 24. Februar 2027, 12:00 Uhr
  • Die Ausschreibung der FFG im Auftrag des BMIMI fördert innovative Lösungen für die Mobilitätswende, insgesamt stehen 12,1 Millionen Euro zur Verfügung. Auch Projekte mit Lösungen für barrierefreie Mobilität können eingereicht werden. Zudem zielt die gesamte Ausschreibung darauf ab, Diversitätsaspekte in allen Projekten zu berücksichtigen, deren Forschungsergebnisse oder Inhalte Menschen betreffen. Am 22. Oktober 2026 findet eine Online-Infoveranstaltung statt. Weitere Informationen

Laufende Projekte

 

BRAVO - Barrierefreie Verkehrsplanung als Kompetenzfeld

BRAVO baut ein Qualifizierungsnetzwerk für Gemeinden und Planungsbüros auf. Technisches Planungswissen, rechtliche Grundlagen, Wahrnehmungsforschung und sozialräumliche Inklusion werden in einem interdisziplinären Lernangebot verbunden. Reale Planungsaufgaben, Begehungen und die Zusammenarbeit mit Betroffenenorganisationen sollen den Transfer aktueller Forschungserkenntnisse in kommunale Planungs- und Genehmigungsprozesse unterstützen.

Digi4All – Digitales Umsteigen für Alle

Digi4All erweitert eine digitale Plattform, die barrierefreie Umstiege im öffentlichen Verkehr erleichtern soll. Geplant sind personalisierte Routenvorschläge, die individuelle Mobilitätsanforderungen mit dynamischen Informationen verbinden – beispielsweise zur Verfügbarkeit von Aufzügen, zu Fahrplanänderungen und infrastrukturellen Einschränkungen. Technologische Entwicklung und die Beteiligung unterschiedlicher Nutzer:innengruppen werden dabei miteinander verknüpft.

BeToMo – Barrierefreie Tourismusmobilität systemisch gestalten

BeToMo untersucht barrierefreie Tourismusmobilität entlang vollständiger Wegeketten – von Information und Buchung über die Anreise bis zur Mobilität vor Ort. In der Pilotregion Salzkammergut werden quantitative Mobilitäts- und CO₂-Daten mit qualitativen Erhebungen und dem Erfahrungswissen von Menschen mit Behinderungen und älteren Personen verbunden. Daraus soll eine übertragbare, modulare Toolbox entstehen, mit der Regionen Handlungsbedarf analysieren und Maßnahmen evidenzbasiert priorisieren können.

F.I.M:CONNECT – Grundlagen für community-basierte Mobilität

F.I.M:CONNECT untersucht, unter welchen organisatorischen und rechtlichen Bedingungen community-basierte und barrierefreie Mobilitätsangebote tragfähig sein können. Betrachtet werden unter anderem Alltags- und Care-Wege, Anschlüsse an den öffentlichen Verkehr, Randzeiten sowie Wege mit mehreren Zwischenstopps. Das Projekt entwickelt jedoch noch kein öffentliches Angebot. Ziel sind Mindeststandards, Anforderungskataloge sowie belastbare Erkenntnisse zu Verantwortlichkeiten, Sicherheit, Grenzen und Risiken unterschiedlicher Modelle.

Abgeschlossene Projekte

 

F.I.M.: flexibel.inklusiv.mobil

F.I.M. befasste sich mit den Mobilitätsbedürfnissen von Menschen mit dauerhafter Mobilitätseinschränkung im suburbanen Raum. Im Mittelpunkt standen ihre Anforderungen an Buchung und Nutzung von On-Demand- und Sharing-Angeboten sowie an Fahrzeuge und Fahrer:innen. Alle Arbeitsschritte wurden gemeinsam mit Menschen mit und ohne Behinderung sowie mit Betreuungseinrichtungen, Transportdienstleister:innen und Plattformbetreiber:innen erarbeitet. Ziel war ein Werkzeug für die Planung, Umsetzung und Weiterentwicklung geteilter Mobilitätsangebote. Das Folgeprojekt F.I.M:CONNECT baut auf diesen Ergebnissen auf.

Streetview4VI: Digitale Karte für blinde Menschen

Streetview4VI entwickelte das Konzept und einen Prototyp für eine digitale Karte, die blinden und sehbeeinträchtigten Menschen die Orientierung im Alltag erleichtern soll. Grundlage war ein intelligenter Schuh, der Hindernisse mithilfe von Ultraschall und Kamera erkennt. Mithilfe von KI-gestützter Bildverarbeitung sollte sich die Hinderniserkennung durch die Alltagsnutzung laufend verbessern, sodass langfristig alle sehbeeinträchtigten Menschen davon profitieren können. Das Projekt wurde gemeinsam mit Interessenvertretungen blinder und sehbehinderter Menschen umgesetzt.

AM inklusive!: Automatisierte Mobilität und Inklusion

AM inklusive! untersuchte, welche Chancen und Risiken automatisierte Mobilität für Chancengleichheit und Inklusion in Österreich mit sich bringt. Ein interdisziplinäres Team aus Verkehrsplanung, Sozialwissenschaften und dem Österreichischen Behindertenrat erarbeitete Szenarien und Empfehlungen für die Verkehrs- und FTI-Politik bis und ab 2030. Menschen mit Behinderungen und weitere mobilitätseingeschränkte Personen wurden über Resonanzrunden eingebunden. Der Ergebnisbericht ist öffentlich verfügbar.