Shared Mobility als Baustein der Verkehrswende

Shared Mobility gilt als einer der vielversprechendsten Hebel für die Verkehrswende in Österreich, doch ihr Innovationspotenzial bleibt bislang ungleich verteilt. Während sich Angebote bisher vor allem in gut erschlossenen Ballungsräumen etablieren konnten, fehlen sie häufig genau dort, wo der Bedarf besonders hoch wäre. Welche neuen Ansätze, Projekte und Strategien diese Lücke schließen und Sharing zu einem tragenden Element eines integrierten Mobilitätssystems machen können, beleuchtet der folgende Beitrag.

Potenziale und Herausforderungen

Geteilte Mobilität entwickelt sich in Österreich zunehmend zu einem zentralen Baustein eines nachhaltigen und integrierten Verkehrssystems. Steigende Mobilitätskosten, ein weiterhin hoher Motorisierungsgrad, der damit verbundene hohe CO2-Ausstoß sowie zunehmende soziale sowie demografische Herausforderungen verdeutlichen die wachsende Relevanz von Sharing-Angeboten in Österreich.

Unter Sharing-Angeboten werden nachhaltige Mobilitätsangebote verstanden, bei denen Fahrzeuge gemeinschaftlich genutzt werden. Diese können meistens über eine Plattform gebucht und für eine bestimmte Zeit genutzt werden. Dazu zählen unter anderem Carsharing, Bikesharing oder E-Scooter. Immer häufiger kommen dabei elektrisch betriebene Fahrzeuge zum Einsatz. Ziel ist es, Mobilität flexibler und effizienter zu gestalten, eine Lösung für die letzte Meile ohne privaten PKW zu ermöglichen und unterschiedliche Verkehrsmittel besser miteinander zu verknüpfen.

Sharing-Angebote gelten dabei als vielversprechender Lösungsansatz, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Obwohl das Angebot an Sharing-Systemen in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist, zeigt sich jedoch weiterhin eine starke räumliche Ungleichverteilung: Rund 70 Prozent der Angebote befinden sich in den höchsten ÖV-Güteklassen und somit überwiegend an Standorten mit einer sehr guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Die ÖV-Güteklassen beschreiben die Erschließungsqualität der öffentlichen Verkehrsmittel anhand von Kriterien wie Erreichbarkeit, Taktfrequenz und Entfernung zu Haltestellen. Studien zur Sharing-Ersatzquote zeigen zudem, dass Sharing-Systeme 5 bis 16 private PKW reduzieren und damit sowohl Kosten als auch Flächen- und Ressourcenverbrauch senken.

Gerade dort, wo solche Einsparpotenziale am dringendsten gebraucht werden, sind Sharing-Angebote bislang jedoch kaum verfügbar. Besonders außerhalb urbaner Zentren bleibt das Zweitauto für viele Haushalte nach wie vor notwendig, da öffentliche Verkehrsangebote häufig nicht ausreichend verfügbar oder attraktiv genug sind. Gleichzeitig steigt die Zahl armutsbetroffener Haushalte und die Bevölkerung wird zunehmend älter. Hier braucht es flexible, integrierte und nutzer:innenorientierte Lösungen, die auf die jeweiligen regionalen Bedürfnisse abgestimmt sind.

Die zentrale Frage ist daher nicht mehr, welches Potenzial Sharing grundsätzlich besitzt, sondern wie entsprechende Angebote dort erfolgreich etabliert werden können, wo sie bislang fehlen.

Aktuelle Aktivitäten

Wie stark sich die Diskussion rund um nachhaltige Mobilität in den vergangenen Jahren verändert hat, zeigt die Vielfalt der geförderten Sharing- und Mobilitätsprojekte: Standen anfangs vor allem rechtliche und technologische Fragestellungen im Fokus, rücken heute zunehmend Nutzungsbarrieren unterschiedlicher Zielgruppen in den Mittelpunkt aktueller Diskussionen. Dabei reicht die Forschung von Carsharing, Bike- und Lastenrad-Sharing bis hin zu digitalen Plattformen, Mikro-ÖV-Angeboten sowie der Gestaltung von Mobilitätsknoten und Mobilitätshubs als zentrale Bausteine eines integrierten Mobilitätssystems.

Die Ergebnisse der bereits abgeschlossenen Projekte veranschaulichen den erfolgreichen Verlauf der bisherigen Arbeiten. Projekte wie CATMOBIL analysieren soziale und räumliche Wirkungen von Shared Mobility-Angeboten und liefern wichtige evidenzbasierte Grundlagen für Planung und Steuerung. Sharing is Caring entwickelte inklusive Fahrgemeinschaftskonzepte für den ländlichen Raum und zeigte, wie gemeinschaftsbasierte Lösungen nachhaltige Mobilität stärken können. Mit SELMA wurden Ansätze erforscht, um lokale Mobilitätslösungen besser in digitale Plattformen und bestehende Mobilitätsketten zu integrieren. Ergänzt werden diese Erkenntnisse durch Leitfäden, Handbücher und neue Modelle für Mobilitätsknoten und Sharing-Hubs. Laufende Projekte wie Share4U, cycLINK oder Sharing Hubs verdeutlichen die integrale Funktion, die Sharing-Angebote zunehmend im Mobilitätssystem haben.

Im Rahmen eines Vernetzungsworkshops am 29. April 2026 tauschten sich laufende und abgeschlossene Projekte über aktuelle Herausforderungen, Erfolgsfaktoren und neue Lösungsansätze aus. Besonders hervorgehoben wurde dabei, dass zusätzliches Potenzial für eine breitere Nutzung von Sharing-Angeboten besteht. Dafür braucht es jedoch politische Unterstützung, passende Förderungen sowie eine stärkere Vernetzung zwischen Verwaltung, Wirtschaft und bestehenden Initiativen als auch eine bessere Integration von Sharing-Angeboten in bestehende Mobilitätsketten.

Veranstaltungen

Auch die diesjährigen Veranstaltungen stehen ganz im Zeichen dieser Entwicklungen. Im Rahmen der Mobilitätskonferenz am 20. April 2026 wurde die Reihe des "Sharing Dialogs" mit einer Dialogsession und Podiumsdiskussion fortgeführt. Diskutiert wurden unter anderem die Einsparungspotenziale durch Sharing-Angebote sowie die Frage, wie nachhaltige Verhaltensänderungen durch einfache, sichtbare und attraktive Angebote unterstützt werden können. Besonders betont wurde, dass Shared Mobility nur dann langfristig wirksam sein kann, wenn sie als Teil eines integrierten Gesamtsystems gedacht wird.

Mit der internationalen Konferenz Shared Mobility Rocks, die heuer erstmals in Österreich ausgetragen und von den Wiener Linien organisiert wurde, fand am 5. Mai 2026 zudem ein Austausch zu Sharing-Ansätzen statt. Die zentrale Botschaft der Sessions war klar: Shared Mobility darf nicht als Insellösung verstanden werden, sondern braucht Integration, Zusammenarbeit und klare Verantwortlichkeiten zwischen Städten, Betreiber:innen und öffentlichen Akteur:innen.

Die zahlreichen Projekte, Workshops und Veranstaltungen zeigen deutlich, dass Sharing längst mehr als ein ergänzendes Mobilitätsangebot ist. Die zukünftige Herausforderung liegt nun darin, Angebote gezielt dort weiterzuentwickeln, wo sie bislang noch fehlen oder bestehende Mobilitätslücken schließen können. Dafür braucht es nicht nur einen quantitativen Ausbau, sondern vor allem eine strategische Weiterentwicklung der Angebote, eine stärkere Verknüpfung mit dem öffentlichen Verkehr, eine Reduktion von Nutzungsbarrieren sowie neue, angepasste Modelle für den ländlichen Raum.

Aktuelle Projekte

CarryMeHome

CarryMeHome entwickelt ein integriertes Mobilitäts‑ und Fahrzeugkonzept für zwei Modellregionen (Weiz, Feldkirchen), das auf geteilter, aktiver Mobilität für Distanzen bis rund 10 km aufbaut. Über ein anforderungsorientiertes Sharing‑Angebot werden verschiedene Fahrzeugkategorien – vom Transport‑Trolley „CarryMeHome" über (Lasten‑)Räder bis zu E‑Leichtfahrzeugen und E‑Transportern – gemeinsam nutzbar gemacht und mit ÖV, Bedarfsverkehr und Zustelldiensten digital verknüpft. Ein sozialer Baustein ist die Zustellbörse „airDrive", bei der Privatpersonen Einkäufe zustellen und dafür über eine regionale Währung entschädigt werden. Ergänzend werden Supermarkt‑ und Gewerbeparkplätze zu Sharing‑Knotenpunkten mit Verleih, Paketstationen und Ladeinfrastruktur umgestaltet.

cleanBEVsharing

cleanBEVsharing verknüpft batterieelektrisches Carsharing mit sauberem Laden und erneuerbaren Energiequellen. Im Zentrum steht eine Plattformlösung, die gemeinsam genutzte E‑Fahrzeuge, Ladeinfrastruktur und Energienetz verbindet und über ein flexibles Carsharing‑Modell mit variablen Mietpreisen und Speicherkapazitätsvermarktung den Energiemarkt einbezieht. So lassen sich geteilte BEVs ausschließlich mit erneuerbarer Energie laden und zugleich Lade‑ und Entladeflexibilität zur Netzstabilisierung handeln (Vehicle2Grid). Indem geparkte Fahrzeuge am Energiemarkt verwertet werden, steigert das Projekt die Wirtschaftlichkeit von BEV‑Sharing besonders im ländlichen Raum und schafft dort erschwingliche, klimafreundliche Mobilität auf Abruf – mit Nutzen für Betreiber (Zusatzeinnahmen), Nutzer:innen (reduzierte Fahrpreise) und Gemeinden (zusätzliche Mobilitätsangebote und Inklusion).

cycLINK

cycLINK konzipiert ein integriertes, österreichweit verfügbares Bike‑Sharing‑Angebot für städtische, sub‑urbane und ländliche Gebiete, das als Ergänzung zum öffentlichen Verkehr eine Alternative auf der ersten und letzten Meile schafft. Während Bikesharing in Ländern wie den Niederlanden oder der Schweiz bereits flächendeckend etabliert ist, bleibt das System in Österreich fragmentiert und überwiegend auf urbane Räume beschränkt. Über die Analyse bestehender Systeme (u. a. nextbike‑Nutzungsdaten aus dem DACH‑Raum), GIS‑basierte Standortanalysen und schrittweise Ausbau‑Szenarien werden Versorgungslücken identifiziert und nutzerfreundliche, wirtschaftlich tragfähige Betreibermodelle entwickelt.

DREAMS

DREAMS untersucht in sechs Living Labs (Budapest, Brüssel, München, Paris, Utrecht und Wien), wie co‑kreierte, nutzerzentrierte Shared‑Mobility‑Dienste zu barrierefreien und inklusiven 15‑Minuten‑Quartieren an urbanen Rändern beitragen können. Für Gebiete mit geringer bis mittlerer Dichte werden neue Geschäfts‑ und Governance‑Modelle für Mobilitätsdienste – darunter Mikromobilität, Carsharing und bedarfsgesteuerte Verkehre – entwickelt und getestet, um die Autoabhängigkeit zu verringern. Auf Basis der Wirkungsanalysen zu Mobilität, Erreichbarkeit und gesellschaftlichen Effekten leitet das Projekt politische Empfehlungen für nachhaltige, integrative Mobilität in Stadtrandlagen ab.

F.I.M.

F.I.M. (flexibel.inklusiv.mobil) untersucht, wie geteilte und bedarfsorientierte Mobilitätsangebote – Carsharing, On‑Demand‑ und Mikro‑ÖV‑Dienste – so gestaltet werden können, dass sie für Menschen mit dauerhafter Mobilitätseinschränkung tatsächlich nutzbar sind. In einem partizipativen Ansatz wurden gemeinsam mit Betroffenen sowie Expert:innen aus Betreuungseinrichtungen, Transportdienstleistung und Plattformbetrieb die Anforderungen an Buchung, Fahrzeuge, Fahrer:innen und Betrieb erhoben. Daraus entstanden eine barrierefreie webbasierte Buchungsplattform und ein strukturierter telefonischer Buchungsprozess, die iterativ getestet wurden. Das Projekt liefert ein Werkzeug zur zielgerichteten Planung, Umsetzung und Förderung barrierefreier geteilter Mobilität und stieß bereits Verbesserungen bei einem bestehenden Angebot in Graz an.

GMaasAI

GMaasAI entwickelt ein ganzheitliches Mobility‑as‑a‑Service‑System, das verschiedene Mobilitätsangebote intelligent verknüpft und mittels graphenbasierter KI (Graph Neural Networks) an lokale Gegebenheiten anpasst. In städtischen Gebieten Oberösterreichs stehen dabei Sharing‑Lösungen wie Car‑Sharing‑Hubs und Leihfahrräder im Fokus, während in ländlichen Regionen bedarfsorientierte Angebote wie Anruf‑Sammel‑Taxis zentral sind. Durch die Integration heterogener Datenquellen ermöglicht das Projekt präzise Nachfrageprognosen sowie die optimale Planung von Haltestellen und Routen; ein interaktives Dashboard unterstützt Verkehrsplaner:innen bei der Entscheidungsfindung. Zentrale Ergebnisse werden als Open‑Source‑Komponenten bereitgestellt.

MIKiYo

MIKiYo (Mobilitätsinitiative für Kids und Youngsters) gestaltet und erprobt ein Mobilitätsangebot, das Kinder und Jugendliche in ländlichen Regionen selbstbestimmt und aktiv zu Freizeitaktivitäten bringt. Im Kern steht die Optimierung geteilter Mitfahrlösungen: Erziehungsberechtigte und ihr Umfeld (ältere Geschwister, Großeltern) agieren als individuelle Mobilitätsanbieter:innen innerhalb einer erweiterten Community, wodurch sich das „Elterntaxi" besser auslasten und die Betreuung teilen lässt. Vertrauen, Sicherheit und Verlässlichkeit gelten dabei als zentrale Erfolgsfaktoren. Ergänzt wird das Ride‑Sharing durch die Integration aktiver Mobilitätsformen, was den motorisierten Individualverkehr reduziert und jungen Menschen mehr Eigenständigkeit und Chancengleichheit verschafft.

Share4U

Share4U setzt in der österreichischen Pionierstadt Klagenfurt auf ergänzende, multimodale Sharing‑Angebote, um Mobilität ohne eigenes Auto zu ermöglichen. An bestehenden und geplanten Mobilitätsknoten wird ein stationsbasiertes E‑Carsharing eingeführt, das den öffentlichen Verkehr zu Randzeiten, an Wochenenden oder bei größeren Transporten flexibel ergänzt und als Zubringer zum öffentlich zugänglichen Mobilitätssystem dient. Zugleich werden die Daten lokaler Mobilitätsdienstleister in einer digitalen Plattform gebündelt, um das Mobilitätsverhalten besser zu verstehen. Ziel ist es, den Besitz wenig genutzter Zweit‑ und Drittwagen infrage zu stellen und den Motorisierungsgrad in der Stadt zu senken.

Sharing Hubs

Im Projekt Sharing Hubs werden Finanzierungs‑ und Betreibermodelle für quartiersbezogene Mobilitätsknoten in Wohn‑ und Betriebsgebieten erarbeitet. Im Zentrum steht die Kombination von Fahrzeug‑Sharing mit dem Sharing bzw. der Mehrfachnutzung von Stellflächen, wodurch sich die Zahl benötigter Stellplätze deutlich reduzieren und geteilte Mobilität durch die räumliche Entkopplung von Wohnen/Arbeiten und Parken fördern lässt. Auf Basis internationaler Recherche entsteht ein GIS‑gestütztes Planungswerkzeug zur Standortfindung sowie modular aufgebaute Investitions‑ und Betreibermodelle, die in Praxisgebieten in Salzburg und Vorarlberg erprobt werden – mit dem Ziel, Sharing auch jenseits klassischer ÖV‑Knoten zu etablieren.